aufgeschnappt & notiert

2020 Januar

So tickt die Jugend

Älteren Christen fällt es manchmal schwer zu verstehen, wie die junge Generation tickt. Scheinbare Widersprüche, andere Wertvorstellungen und neue Gruppenzugehörigkeiten machen einen Austausch schwierig. Doch ein Aufbruch in Evangelisation und Mission ist möglich, wenn man sich auf das Abenteuer Zukunft einlässt, meint der Prediger, Autor und Missionsleiter von Campus für Christus, Andreas Boppart.

 

Schuld, Scham und Angst

Soziologen sprechen von drei großen Dynamiken, in die sich die Gesellschaften weltweit einteilen lassen: Schuld, Scham und Angst. Und diese lassen sich schon ganz zu Beginn der Menschheit wiederfinden. Der Sündenfall war viel mehr als nur ein Sündenfall. Die ersten Menschen machen Schuldzuweisungen (Schuldkultur), gleichzeitig verstecken sie sich vor Gott (Angstkultur) und bedecken sich mit Blättern (Schamkultur). Was Christus am Kreuz gemacht hat, ist eine Reaktion auf den Sünden-Scham-Angst-Fall. Er hat uns durch Vergebung aus der Schuld in Recht und Gerechtigkeit hineingeführt. Durch Befreiung aus der Angst die Macht, Kraft und Liebe und aus der Scham durch Versöhnung wieder in den Bund mit Gott gebracht, unsere Identität sowie Harmonie und Ehre wiederhergestellt. Dieser Christus ist unglaublich attraktiv und passt aktuell in eine Schamgesellschaft hinein: Er hat sich selbst zutiefst beschämt, hat sich dem Spott und den Schlägen der Menschen ausgesetzt und sich öffentlich hinrichten lassen. Er hing m Kreuz nicht nur mit unserer Schuld, sondern hat auch unsere Scham auf sich genommen, damit wir uns nicht mehr selbst schämen und auch nicht mehr andere beschämen müssen. Christus der Entschämer, der unsere „Ich bin es nicht wert, mit Gott in Beziehung zu sein“-Trennung überwindet, uns in die Harmonie mit Gott zurückführt und den Bund wiederherstellt.

 

Das ganzheitliche Evangelium

Paulus beschreibt die verschiedenen Dynamiken des Evangeliums in seinem Brief an die Epheser ausgezeichnet. Er spricht die Schulddynamik an: „Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden“ (Epheser 1,7), die Schamdynamik: „vorherbestimmt, seine Kinder zu sein“ (Epheser 1,5) und auch die Angstdynamik: „wie überschwänglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde“ (Epheser 1,19). Dabei benutzt er im Brief eine breite Palette an Begrifflichkeiten, die sich diesen verschiedenen Dynamiken zuordnen lassen und die von den „Heiden“, die er als Paulus erreichen möchte, auch verstanden wurden. Denn während die jüdische Urgemeinde schuldorientiert war, waren die griechischen Christen schamorientiert.

 

Chance zum Aufbruch und Durchbruch

Wir brauchen kein neues Evangelium, aber wieder ein ganzheitliches. Und neue Worte dazu und eine Sprache, die wieder verstanden wird. Gnade wird nicht mehr als Bezahlung eines Schuldscheins verstanden werden, aber als Wiederherstellung der Harmonie mit Gott wird sie ersehnt. Was wir vor allem brauchen, sind Christen mit einem offenen Herzen und der Bereitschaft, losgelöst von der eigenen liebgewonnenen Historie nach vorne denkend und gemeinsam mit einer jungen Generation Glaube und Kirche neu zu gestalten. Evangelisation und Mission muss vielleicht in einer Schamkultur vielmehr in Gruppenprozessen gedacht werden, als auf Individuen abzuzielen. Insgesamt erfüllt mich dieser Umbruch jedoch mit großer Freude und Hoffnung – auch wenn Umbrüche oft pessimistisch verzerrt rein als Zusammenbruch wahrgenommen werden, sind sie immer auch Chance zum Aufbruch und Durchbruch. Ich bin überzeugt, dass Gott dabei ist, das Spielfeld ganz neu zu gestalten, und wir dürfen da freudig ins Neuland mitlaufen. Denn seine Leidenschaft, uns Menschen in seine Gegenwart zu ziehen, ist nach wie vor ungebrochen. Die Frage ist, ob wir der nächsten Generation die Chance geben, Christus mit derselben Intensität nachzufolgen, wie wir es tun? Auch wenn das ganz anders

Gestalt annehmen wird.

>> (Andreas Boppart. In: idea/30.01.2020)

2020 Februar

Leidenschaft, Tradition und Rebellion

Vor 20 Jahren haben meine Schauspieler dort noch theologische Fragen gestellt: Sind wir durch Jesus von unseren Sünden erlöst? Das ist den jungen Menschen heute völlig wurscht. Sie erinnert Jesus eher an Sophie Scholl. Dass da einer ganz gradlinig einer Idee hinterhergegangen ist, im Bewusstsein, dass er umgebracht werden könnte.

>> (Der Leiter der Passionsspiele in Oberammergau, Christian Stückl, im „Tagesspiegel“ (Berlin)