aufgeschnappt & notiert

2020 Januar

So tickt die Jugend

Älteren Christen fällt es manchmal schwer zu verstehen, wie die junge Generation tickt. Scheinbare Widersprüche, andere Wertvorstellungen und neue Gruppenzugehörigkeiten machen einen Austausch schwierig. Doch ein Aufbruch in Evangelisation und Mission ist möglich, wenn man sich auf das Abenteuer Zukunft einlässt, meint der Prediger, Autor und Missionsleiter von Campus für Christus, Andreas Boppart.

 

Schuld, Scham und Angst

Soziologen sprechen von drei großen Dynamiken, in die sich die Gesellschaften weltweit einteilen lassen: Schuld, Scham und Angst. Und diese lassen sich schon ganz zu Beginn der Menschheit wiederfinden. Der Sündenfall war viel mehr als nur ein Sündenfall. Die ersten Menschen machen Schuldzuweisungen (Schuldkultur), gleichzeitig verstecken sie sich vor Gott (Angstkultur) und bedecken sich mit Blättern (Schamkultur). Was Christus am Kreuz gemacht hat, ist eine Reaktion auf den Sünden-Scham-Angst-Fall. Er hat uns durch Vergebung aus der Schuld in Recht und Gerechtigkeit hineingeführt. Durch Befreiung aus der Angst die Macht, Kraft und Liebe und aus der Scham durch Versöhnung wieder in den Bund mit Gott gebracht, unsere Identität sowie Harmonie und Ehre wiederhergestellt. Dieser Christus ist unglaublich attraktiv und passt aktuell in eine Schamgesellschaft hinein: Er hat sich selbst zutiefst beschämt, hat sich dem Spott und den Schlägen der Menschen ausgesetzt und sich öffentlich hinrichten lassen. Er hing m Kreuz nicht nur mit unserer Schuld, sondern hat auch unsere Scham auf sich genommen, damit wir uns nicht mehr selbst schämen und auch nicht mehr andere beschämen müssen. Christus der Entschämer, der unsere „Ich bin es nicht wert, mit Gott in Beziehung zu sein“-Trennung überwindet, uns in die Harmonie mit Gott zurückführt und den Bund wiederherstellt.

 

Das ganzheitliche Evangelium

Paulus beschreibt die verschiedenen Dynamiken des Evangeliums in seinem Brief an die Epheser ausgezeichnet. Er spricht die Schulddynamik an: „Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden“ (Epheser 1,7), die Schamdynamik: „vorherbestimmt, seine Kinder zu sein“ (Epheser 1,5) und auch die Angstdynamik: „wie überschwänglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde“ (Epheser 1,19). Dabei benutzt er im Brief eine breite Palette an Begrifflichkeiten, die sich diesen verschiedenen Dynamiken zuordnen lassen und die von den „Heiden“, die er als Paulus erreichen möchte, auch verstanden wurden. Denn während die jüdische Urgemeinde schuldorientiert war, waren die griechischen Christen schamorientiert.

 

Chance zum Aufbruch und Durchbruch

Wir brauchen kein neues Evangelium, aber wieder ein ganzheitliches. Und neue Worte dazu und eine Sprache, die wieder verstanden wird. Gnade wird nicht mehr als Bezahlung eines Schuldscheins verstanden werden, aber als Wiederherstellung der Harmonie mit Gott wird sie ersehnt. Was wir vor allem brauchen, sind Christen mit einem offenen Herzen und der Bereitschaft, losgelöst von der eigenen liebgewonnenen Historie nach vorne denkend und gemeinsam mit einer jungen Generation Glaube und Kirche neu zu gestalten. Evangelisation und Mission muss vielleicht in einer Schamkultur vielmehr in Gruppenprozessen gedacht werden, als auf Individuen abzuzielen. Insgesamt erfüllt mich dieser Umbruch jedoch mit großer Freude und Hoffnung – auch wenn Umbrüche oft pessimistisch verzerrt rein als Zusammenbruch wahrgenommen werden, sind sie immer auch Chance zum Aufbruch und Durchbruch. Ich bin überzeugt, dass Gott dabei ist, das Spielfeld ganz neu zu gestalten, und wir dürfen da freudig ins Neuland mitlaufen. Denn seine Leidenschaft, uns Menschen in seine Gegenwart zu ziehen, ist nach wie vor ungebrochen. Die Frage ist, ob wir der nächsten Generation die Chance geben, Christus mit derselben Intensität nachzufolgen, wie wir es tun? Auch wenn das ganz anders

Gestalt annehmen wird.

>> (Andreas Boppart. In: idea/30.01.2020)

2020 Februar

Leidenschaft, Tradition und Rebellion

Vor 20 Jahren haben meine Schauspieler dort noch theologische Fragen gestellt: Sind wir durch Jesus von unseren Sünden erlöst? Das ist den jungen Menschen heute völlig wurscht. Sie erinnert Jesus eher an Sophie Scholl. Dass da einer ganz gradlinig einer Idee hinterhergegangen ist, im Bewusstsein, dass er umgebracht werden könnte.

>> (Der Leiter der Passionsspiele in Oberammergau, Christian Stückl, im „Tagesspiegel“ (Berlin)

Im Religionsunterricht auf den Wahrheitsanspruch verzichten? Christen, Juden und Muslime für pluralistische Religionspädagogik

Im Religionsunterricht dürfe Schülern nicht die Auffassung vermittelt werden, nur die eigene Religion besitze die Wahrheit und sei anderen überlegen. Diese Ansicht vertritt der Religionswissenschaftler und evangelische Theologe Perry Schmidt-Leukel von der Universität Münster. Durch einen exklusiven Wahrheitsanspruch könnten Religionen „zu Machtinstrumenten gemacht werden und Gesellschaften spalten“, heißt es weiter darin. Der Religionsunterricht müsse wegen der gewachsenen Religionsvielfalt an deutschen Schulen zum interreligiösen Lernen und zum Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften beitragen.

 

Kritik: Verzicht auf Wahrheitsanspruch widerspricht christlicher Lehre

Kritik an der Erklärung übte der Religionspädagoge und Vorsitzende der Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern, Andreas Späth (Windsbach/Mittelfranken). Der Forderung, den christlichen Wahrheitsanspruch aufzugeben, liege die Ideologie des Relativismus zugrunde, nach der alle Religionen austauschbar seien, sagte er gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Eine solche Haltung widerspreche zwei zentralen Bestandteilen der christlichen Lehre: dem ersten Gebot (2. Mose 20,2-3) und dem Missionsbefehl Jesu (Matthäus 28,19-20). Laut Späth ist im Verhältnis zwischen den Religionen „das Problem nicht der Wahrheitsanspruch, sondern die Bereitschaft, die jeweils eigene Sicht der Dinge mit Gewalt durchzusetzen“. Dem wirke das Christentum gerade da entgegen, wo die Aussagen der Bibel ernstgenommen würden. Dann erweise es sich als Friedensreligion, weil es allein Gott überlasse, über Menschen zu richten.

>> (Debatte in: idea/20.02.2020)

Lebensveränderung geschieht nicht in Reihen, sondern in Kreisen

Lebensveränderung geschehe „nicht in Reihen, sondern in Kreisen, also nicht in den Stuhlreihen am Sonntag, sondern in den Kleingruppen in der Woche“. Ausschlaggebend seien darum vor allem Beziehungen – durch die Gespräche nach dem Gottesdienst sowie in den derzeit 120 Kleingruppen. „Die Leute kommen vielleicht wegen einer tollen Predigt oder einem tollen Lobpreis – aber sie bleiben deswegen nicht. Die Kleingruppen schließen also die Hintertür der Gemeinde und verhindern, dass wir nur ein Durchlauferhitzer sind“.

>> Konstantin Kruse, Pastor der „Ecclesia Church“ (Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden) in Nürnberg (In: idea/27.02.2020)

Bühne: Meldungen von grausamer Christenverfolgung in China sind „schlicht falsch“

Zu einer differenzierten Betrachtungsweise der Lage der Christen in China hat der evangelikale Verleger und Buchhändler Wolfgang Bühne (Meinerzhagen) aufgerufen. Er sprach bei den „Tagen der verfolgten Gemeinde“ der Hilfsaktion Märtyrerkirche, die vom 26. Februar bis 1. März im mittelhessischen Braunfels stattfinden. Schätzungen zufolge seien rund zehn Prozent der 1,4 Milliarden Einwohner des Landes Christen. Zur Kommunistischen Partei gehörten nur 6,5 Prozent der Bevölkerung. Nachrichten in westlichen Medien, nach denen es im Land eine grausame Christenverfolgung gebe, seien „schlicht falsch“, so Bühne. Er reist seit 2004 mindestens einmal jährlich in das Land. Bühne zufolge wissen die Machthaber, dass die meisten Christen loyale Staatsbürger seien, die Korruption ablehnten, fleißig seien und ehrlich ihre Steuern zahlen. „So lange sie sich nicht in die Politik einmischen, wird sich der Staat nicht auf die Verfolgung seiner besten Bürger einlassen, sondern sie dulden.“

 

Bühne räumte ein, dass die Überwachung des öffentlichen Raums durch Kameras stark zugenommen habe. Dadurch habe die Kriminalität spürbar abgenommen. Christen machten sich hinsichtlich der Überwachung keine Sorgen. Sie verträten vielmehr die Auffassung: „Wir haben nichts zu verbergen. Und vor Gott könne wir ohnehin nichts verbergen.“ In jeder größeren Stadt gebe es meist mehrere christliche Buchläden mit einem erstaunlich großen Angebot guter geistlicher Literatur.

 

Wo die rote Fahne gehisst werden muss

Probleme hat laut Bühne vor allem die staatlich registrierte Drei-Selbst-Kirche mit ihren bis zu 60 Millionen Mitgliedern. Ihre Gemeinden würden überwacht, müssten die Kreuze von ihren Kirchtürmen entfernen oder niedriger hängen, die rote Fahne der Kommunisten sichtbar platzieren sowie die Nationalhymne singen. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sei verboten. Ähnliche Schwierigkeiten bekämen auch die Hauskirchen, wenn sie eigene Gemeindehäuser besäßen. Manche dieser Gemeinden hätten bis zu 5.000 Mitglieder. Weniger Probleme hätten die illegalen Hauskirchen im Untergrund. Sie versammelten sich in wechselnden Häusern und teilten sich in der Regel, wenn sie 150 Mitglieder hätten.

>> (idea/29.02.2020)

Mehr Kreativität in der Kanzelpredigt

Für mehr Kreativität in der Kanzelpredigt plädiert der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Theologie der Universität Erlangen-Nürnberg, Pfarrer Alexander Proksch. Erstmals hat er mit der Poetry-Slammerin Lara Mührenberg Theologiestudenten zu einem Predigt-Slam herausgefordert. Angelehnt an einen Poetry-Slam (Wettstreit der Dichter) traten die angehenden Pfarrer mit einer Fünf-Minuten-Predigt über ein Bibelwort gegeneinander an. Am Ende bewerteten die Zuhörer die Beiträge.

 

idea: Beobachten Sie den Wunsch, von der starren Form der Predigt wegzukommen?

Proksch: Das Format der klassischen Predigt im Sonntagsgottesdienst ist zukunftsfähig. Aber inhaltlich wird sich einiges ändern. Sowohl in Gemeinden als auch bei Studenten scheint eine floskelhafte, stark ritualisierte, eher vortragshafte und langatmige Predigt Vergangenheit zu sein. Heute ist das Hörverhalten von Menschen anders als vor 40 Jahren. Das hat mit den Medien zu tun und immer schnelleren Beiträgen.

 

idea: Braucht es eine neue Darbietung der Sonntagspredigt?

Proksch: Der lehrhafte Stil sollte nicht die einzige Form sein. Unsere Sprache kennt viele Gattungen. Da sehe ich mehr Spielraum. Gerade im Alten Testament gibt es oft narrative, erzählerische Texte mit einer schönen Bildsprache. Warum nicht einen fiktiven Brief oder eine Zwiesprache mit Gott als Element nehmen? Da kann man viel mehr mischen.

>> (Alexander Proksch. In: idea/02.03.2020)

2020 März

„Phrase unser“ – Warum die Kirche eine neue Sprache finden muss – und das vielleicht die ganz alte sein kann

Die Kirche ist in einer Krise – und das liegt auch an ihrer Sprache. Denn die Kirchensprache ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einer fast reinen Binnensprache verkommen, die außerhalb der Kirche kaum mehr verstanden wird. Viele schreckt die Kirchensprache ab, für manche wirkt sie lächerlich. Da wird es schwer, das Evangelium zu verkünden. Die Kirche wird so ihrem Auftrag nicht gerecht.

 

Wo liegt genau das Problem? Die kirchliche Sprache neigt zu Fremdwörtern, theologischen Fachausdrücken oder emotional aufgeladenen Wörtern, die oft sozialpädagogisch angehaucht sind. Es herrscht eine weiche, ungenaue und wolkige Sprache vor, die Macht und Hierarchien sehr gerne vertuscht. Immer wieder wird betont, man wolle „authentisch“ sein – würde man das so oft sagen, wenn man es wirklich wäre?

 

Man will niemandem auf die Füße treten

Während die Kirche in den 70er und 80er Jahren oft von einem Polit-Slang gefärbt wurde und in den 90ern die Managementsprache in Mode war, ist derzeit eine Sprache der „Achtsamkeit“ prägend. Man will niemandem auf die Füße treten, alles soll „auf Augenhöhe“ passieren. Die Kirche trachtet immerfort danach, alle „dort abzuholen, wo sie sind“. Das ist weit weg von Leben und Sprache der meisten Menschen.

 

Dazu kommt der doppelte Boden des Kirchensounds: Wer sagt: „Ich kann das gut hören“, meint eher: „Ich finde das ärgerlich, aber ich ertrage das jetzt“. Es ist eine Sprache der Angst und der Vorsicht, die Konflikte vermeidet. Ein wesentlicher Grund für diese Deformation ist, dass es den beiden großen Volkskirchen schlechtgeht. Sie verlieren Jahr für Jahr Zehntausende Mitglieder. In dieser Situation der Angststarre ist es schwer, die richtige Sprache zu finden. Den Leuten nach dem Mund zu reden ist da die scheinbar einfachste Lösung.

 

Den Worten der Bibel vertrauen

Was tun? Nötig ist ein neuer Aufbruch in der Kirchensprache. Aber wie? Eine Lösung: Vertraut getrost den Worten der Bibel, etwa den Psalmen oder der starken Sprache des Propheten Jesaja! Auch mehr Poesie könnte helfen. Die poetische und die religiöse Sprache sind sich ähnlich und könnten sich gegenseitig befruchten, denn beide nähern sich tastend dem Unsagbaren. Die Kirche muss jedenfalls keineswegs dem neuesten Sprachslang hinterherhetzen, etwa der Jugendsprache.

 

Jesu Botschaft wirkt, wenn sie von Herzen kommt

Man darf die Menschen nicht unterfordern. Die Botschaft Jesu von der Liebe Gottes und selbst eine scheinbar alte Sprache wirken immer, wenn sie von Herzen kommen. Auch einfache Zeichen oder das Schweigen können eine Lösung sein, anstatt immer verzweifelter nach neuen Worten oder anderen Umschreibungen zu suchen. Wer der Form nicht vertraut, macht zu viele Worte, die er selber nicht mehr glaubt.

>> (Philipp Gessler, ist Redakteur der evangelischen Monatszeitschrift „zeitzeichen“ (Berlin). Am 3. März erscheint sein gemeinsam mit Jan Feddersen verfasstes Buch „Phrase unser: Die blutleere Sprache der Kirche“ (Claudius-Verlag). In: idea/02.03.2020)

Keine Maskerade

Und schon ist wieder alles vorbei. Seit Aschermittwoch ist der Karneval, die Zeit der Masken, zu Ende. Zeigen wir Schein statt Sein? Und fragen danach erschrocken: Wer bin ich denn überhaupt? Am meisten verkleiden wir uns vielleicht im normalen Alltag. Verstecken wir uns hinter unserer aufgesetzten Fassade? So leben wir ständig – uns selbst entfremdet – mit einer Art Verkleidung. „Wie’s drinnen aussieht, geht niemand etwas an.“

 

Der alltägliche Griff zur Maske muss nicht Verlogenheit sein, sondern kann auch Selbstschutz oder Nächstenschutz sein. Hinter einer immer lächelnden Maske verbergen wir vielleicht Traurigkeit, Einsamkeit oder auch Oberflächlichkeit. Hinter der arroganten Maske Unsicherheit, Selbstzweifel oder auch Hochmut. Hinter der glatten Maske die Sehnsucht nach Anerkennung, die Angst, nicht geliebt zu werden, oder auch Selbstgefälligkeit. Nur keine Schwachstelle zeigen. Schlimm ist es, wenn ich ganz mein Gesicht verliere. Und doch ist da gleichzeitig die Sehnsucht, ganz ich selbst sein zu können.

 

Vor Gott brauchen wir uns nicht verstecken

Gott kennt mich bis in die Motive meiner Gedanken hinein. Er kennt meine Träume, Gefühle. Er durchschaut meine Masken. Vor Gott kann ich mich nicht verstecken. Und das brauche ich auch nicht. Er sieht mich mit den Augen der Liebe an. Jesus hat eine Passion: seine geliebten Menschen. Darum ging er den Weg des Leidens bis ans Kreuz. Er nahm meine Schwachstellen auf sich. Vor ihm kann ich ganz ich selbst sein.

>> (Pfarrerin Bärbel Wilde (Lüdenscheid), Evangelistin, Buchautorin und Vortragsrednerin. In: (idea/06.03.2020)

Was brandgefährlich für die Demokratie ist

Peter Hahne (Berlin) sagte, es sei wichtig, wieder „Maß und Mitte“ sowie Orientierung zu bekommen. Er halte es für „brandgefährlich“ für die Demokratie, dass zwei Drittel der Deutschen sich nicht mehr trauten, ihre Meinung zu sagen, was übereinstimmend von fast allen Umfrageinstituten ermittelt worden sei. Standpunkte, die „vor 15 Jahren noch bürgerlicher Konsens“ gewesen seien, würden heute als „rechtsradikal abgestempelt“. Der „Mainstream“ dulde keinen Widerspruch mehr, Kritiker würden „niedergeknüppelt“. Es werde nicht mehr „argumentiert, sondern diffamiert, stigmatisiert und isoliert“. Es könne nicht sein, dass „Gegner der Gender-, Klima- oder Flüchtlingspolitik als Nazis“ beschimpft würden, nur „weil sie rechts von Claudia Roth“ stünden.

>> (Peter Hahne. In: idea/09.03.2020)

Dieser Egoismus wird anscheinend mit Erwachsensein und Selbstbestimmung verwechselt
In dieser nie dagewesenen Krise zeichnet sich ein frühlingshaftes Freiheits-Paradox der Unbelehrbarkeit ab: Je sozialer sich in der aktuellen Lage ein Individuum im öffentlichen Raum präsentiert, desto weniger ist es das.

Was stimmt denn bitte nicht mit den renitenten Viktualienmarkt-Flaneuren und obstinaten Party-Lebensmüden, frage ich mich wütend, irritiert wie ratlos. Wieso spielen all diese Leute, in diesem von Viren und Gesellschaft ko-produzierten Ausnahmezustand-Blockbuster so gerne die Rolle der Endzeit-Hohlköpfe? Was haben diese hedonistischen Ichlinge an dem wahrlich nicht schweren Konzept des "Abstandhaltens" nicht verstanden? Freunde, wie rücksichtslos kann man denn sein?

Kein Endzeit-, Quarantäne- oder Zombiefilm hatte bisher vorhergesehen, dass die gefährlichsten Widersacher für die flüchtenden, sich verbarrikadieren Protagonisten nicht die Untoten oder Gesetzlosen, sondern die fauchenden Klopapierhorter, die Quarantäne-mit-Urlaub-verwechselnden Innenstadt-Junkies und die gastrobesessenen, koffeinrünstigen Kontaminationsherde um die 30 sein würden.

Das Credo "Ich lasse mir meine Freiheiten von der Vernunft nicht einschränken" wird hier zum "Ich lasse mir meiner Freiheit von den Schwächsten nicht einschränken”. Tja, willkommen im Kontaminations-Darwinismus.

Und das Absurdeste: Dieser Egoismus wird anscheinend mit Erwachsensein und Selbstbestimmung verwechselt. Offenbar ist man stolz auf die Coolness, angesichts der als hysterisch abgestempelten Pandemie seine urbane, sonnenbebrillte Lässigkeit zu bewahren. Schlürf, leck. Jedoch ist die ethische Sabotage genau das Gegenteil von Eigenverantwortung und somit von Mündigkeit. Betonte Gleichgültigkeit ist kein Ausdruck von Freiheit. Denn die Erkrankungen, die aus Rücksichtslosigkeiten entstehen werden, schränken die Freiheit erst ein. Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, ist die erwachsenste Form der Freiheit.

Es ist bemerkenswert, dass Angela Merkel am Mittwoch in ihrer Rede an die Nation die von vielen herbeispekulierte Ausgangssperre nicht verhängt hat, besonders im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern. Sie appellierte an unsere Selbstdisziplin und Verantwortlichkeit und machte so den Schutz der Gesellschaft zu einer individuellen Aufgabe, nicht nur zu einer kollektiven. Es wäre historisch, wenn man uns in dieser Krise nicht gesetzlich zwingen müsste, ethisch zu handeln.

Und bei Corona stellen wir insbesondere fest, dass vor allem die Verletzlichkeiten eines Systems sichtbar werden, das aus lauter Sollbruchstellen besteht: Ungerechtigkeit, Unterbezahlung, Überbelastung. Die Krise inszeniert und dramatisiert unsere Menschlichkeit – nur dass das hier kein Film ist, sondern verstörender Ernst: In der vom Virus betroffensten, italienischen Stadt Bergamo stauen sich gerade die Särge.
>> (Samira El Ouassil. Im "Spiegel": Hamstern und Flanieren: Lest das hier, ihr Leichtsinnigen!)

Geschmacklos! Eine Satire der ARD-Jugendwelle „Funk“ zum Coronavirus hat Empörung ausgelöst

Satire darf alles, heißt es. Möglich. Ich kann nicht über jede Satire lachen. Vor allem nicht über die jüngste des Satirikers Schlecky Silberstein (38) in der ARD-Jugendwelle „Funk“. Darin bezeichnet er das Coronavirus als „schönen und sinnvollen Reflex der Natur“. Das Virus sei fair, denn „es rafft die Alten dahin, aber die Jungen überstehen diese Infektion nahezu mühelos. Das ist nur gerecht, hat doch die Generation 65+ diesen Planeten in den letzten fünfzig Jahren voll gegen die Wand gefahren.“

 

„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“

Was für eine Arroganz und welch widerliche Anbiederung an den Zeitgeist, wonach der Umweltschutz das höchste Gut sei! War es nicht die Generation unserer Großeltern und Eltern, die aus Deutschland nach der Stunde Null am 8. Mai 1945 – genau vor 75 Jahren – eine der stärksten und bedeutendsten Volkswirtschaften der Welt gemacht haben? Dass Deutschland heute so solide dasteht und hoffentlich gut durch die Coronakrise kommen wird, haben wir neben dem Segen Gottes vor allem dieser Generation zu verdanken – ihr, der Schlecky Silberstein nun den Tod – wenn nicht wünscht – doch zumindest gönnt. Mir kam sofort das 4. Gebot in den Sinn: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!“ Familie ist die kleinste und zugleich wichtigste Zelle der Gesellschaft – in guten wie in schweren Zeiten. Eine Satire wie die von Schlecky Silberstein ist deswegen nicht nur fehl am Platze, sondern schlicht widerwärtig und geschmacklos!

>> (Ein Zwischenruf von idea-Leiter Matthias Pankau. In: idea/16.03.2020)

Dornen-Corona: Sie müssen sich nur impfen lassen!

Der Name Corona (Spanisch) leitet sich von der Bauart des Virus ab und bedeutet „Krone“. Ein für die Augen unsichtbarer Winzling hält unseren Planeten in Atem. Viele Menschen reagieren verängstigt auf das grassierende Coronavirus: Klopapier hamstern und Vorratskammern füllen. Hilflos halten Politiker großspurige Reden: „Kein Arbeitsplatz geht verloren. Wir stemmen uns mit unserem Geld gegen das Virus.“ Zu den sinnvollen Vorkehrungen gehört: Die Hände werden desinfiziert. Mit dem greisen Nachbarn wird sich solidarisiert. Ist jemand infiziert, wird er isoliert. Angesichts der Anstrengungen und der Angst überrascht mich jedoch alles das, was fehlt: kein großmäuliges „Wir werden das Klima retten“. Kein Gender-Gelaber um diverse Toiletten. Kein Vorwurf von Corona-Phobie.

 

Das Sünde-Virus

Und keine Angst vor einem viel schlimmeren Virus, das bereits alle Menschen infiziert hat und für alle garantiert tödlich ist! Unsere Welt ist seit jenem Tag davon befallen, seit die Tür zum Paradies ins Schloss gefallen ist. Adam – die Krone der Schöpfung – hat sich vom Schöpfer getrennt, und seit diesem Augenblick ist durch das Sünde-Virus unsere Welt infiziert. Da helfen keine Schönwetterreden: „Wir sind doch keine Sünder.“ Da helfen keine Vorkehrungen durch gute Taten. Da hilft keine Ablehnung von Drohbotschaften. Hier kann nur der mit der Dornen-Corona auf dem Kopf helfen. Jesus hat das Sünde-Virus durch seinen Tod am Kreuz besiegt.

 

Der Impfstoff kommt aus Israel

Ganz gleich welches Land zuerst den Impfstoff gegen das Coronavirus herstellt. Der Impfstoff gegen das Sünde-Virus kommt aus Israel und steht seit über 2.000 Jahren allen Menschen zur Verfügung – das Blut von Jesus: für Dich vergossen. Sie müssen sich nur impfen lassen!

>> (Lutz Scheufler (Waldenburg bei Zwickau), ist Evangelist und Liedermacher. In: idea/23.03.2020)

2020 April

In der Corona-Krise besonnen bleiben und Hoffnung verbreiten

Theologe: Keine Panik oder Weltuntergangsszenarien verbreiten

 

Christen sollten angesichts der Corona-Krise besonnen bleiben. Auch in christlichen Kreisen werde sehr unterschiedlich auf die Pandemie reagiert: „Für die einen sind wir mitten in den Endzeitgerichten der Apokalypse, für die anderen in einer Fake-Veranstaltung, um demokratische Rechte abzubauen und einen totalitären Staat vorzubereiten.“ Wieder andere interpretierten aus dem Zusammenhang gerissene Bibelstellen so für sich, dass sie Schutzmaßnahmen verweigerten, da Gott sie vor Ansteckung und Krankheit schütze. Anstatt sich jedoch an Spekulationen über mögliche Ursachen und Folgen der Krise zu beteiligten, sollten Christen „Experten“ sein, wenn es darum gehe, Hoffnung zu verbreiten.

 

Schließlich hätten sie die Gewissheit, dass Gott regiere, der alle „Macht im Himmel und auf Erden“ habe. Gerade in schweren Zeiten sei es wichtig, ihm zu vertrauen, auch wenn man nicht alles verstehe. Christen seien Botschafter an Jesu statt und keine „Gerichtsprediger im Stil alttestamentlicher Propheten“. Die Botschaft vom kommenden Gericht sollte darum gegenüber der Frohen Botschaft in den Hintergrund treten.

>> (Reiner Wörz, Theologische Referent des Bibelkonferenzzentrums „Langensteinbacher Höhe“ (Karlsbad bei Karlsruhe). In: idea/01.04.2020)

Vertrauen, Kritik, Hoffnung: Corona, die Politik und ein Blick in die Bibel

 

Vertrauen ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Vertrauen setzt Mut frei. Gerade in einer Krise. Der Apostel Paulus schreibt über die Regierung: „Sie ist Gottes Dienerin, dir zugut“ (Römer 13,4). Mit dieser Grundhaltung begegnen Christen, die die Bibel beim Wort nehmen, der Kanzlerin und den Regierenden in Bund und Ländern. Wir gehen davon aus: Sie meinen es gut mit Deutschland. Wir vertrauen ihnen und sind bereit, unseren Teil beizutragen, um die Krise zu bewältigen.

 

Nicht das Haar in der Suppe suchen, aber ...

Der gleiche Paulus schreibt an anderer Stelle: „Alle unsere Erkenntnis ist Stückwerk“ (1. Korinther 13,9) und Petrus sagt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,9). Das Vertrauen in „die Obrigkeit“ ist nicht blind. Jeder Mensch ist begrenzt und macht Fehler. In der Demokratie haben die Opposition und die Presse die Funktion, Fehler aufzuzeigen. Christen sollten nicht das Haar in der Suppe suchen. Aber sie sind gehalten, eine prophetische Stimme zu sein. Sie erinnern an Gottes Maßstäbe in der Gesellschaft.

 

Vertrauen darf nicht blind machen

Zwei aktuelle Beispiele: Als Christen fragen wir, wann die Grundrechte wieder zur Geltung kommen. Die Einschränkung der Versammlungsfreiheit berührt unmittelbar das Recht auf freie Religionsausübung. Und: Wie lange soll das Kontaktverbot zu Alten und Kranken bestehen bleiben? Gespräch und segnendes Gebet ist etwas vom Heilsamsten, das ein Seelsorger einem Menschen und seinen Angehörigen geben kann. Vertrauen darf nicht blind machen. Kritik dagegen nicht bitter. Paulus schreibt: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“ (Römer 12,12). Christen wissen: Das letzte Wort in dieser Welt hat Gott selbst. Wann, wenn nicht jetzt, gilt die Osterbotschaft: Der Herr ist auferstanden!

>> (Uwe Heimowski: ein Kommentar des Politikbeauftragten der Deutschen Evangelischen Allianz zur aktuellen Situation in Deutschland. In: idea/03.04.2020)

Stolze 140 Nanometer

Mich beeindruckt, wie die Welt zunächst hilflos einem sich selbst raub-kopierenden Ball von <140 Nanometer Durchmesser gegenübersteht. Darauf könnte es ganz schön stolz sein, denn wie lächerlich scheinen die großen Errungenschaften unserer Zeit dem gegenüber. Gesundheitlich, ökonomisch und politisch kommen wir an unsere Grenzen.

Ich merke, wie ich etwas beständiges suche, das sich nicht im Notfallmodus oder Ausnahmezustand befindet. Und da bin ich sicher nicht der einzige. Es ist die Zeit, in der wir durch unseren Glauben Hoffnung bekommen und einen Ort finden, an dem wir unsere Unsicherheit und Angst abladen können. Denn weder der Glaube noch sein „Frontmann“ haben sich verändert.

>> (Markus K. im Blog PERUFEN)